Exkursion in das ehemalige Konzentrationslager Natzweiler-Struthof

Auseinandersetzung mit einem nationalsozialistischen Verbrechenskomplex extremer Gewalt und seiner Bedeutung für die Erinnerungskultur

Die bewaldeten Höhen der Vogesen und der weite Blick über die idyllische Landschaft des Elsass stehen in einem kaum aufzulösenden Gegensatz zur Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof, das für die Gefangenen des nationalsozialistischen Konzentrationslagers ein Ort der Entrechtung, der Zwangsarbeit und extremer Gewalt war.

Mit der Geschichte dieses nationalsozialistischen Verbrecheskomplexes und seiner Bedeutung für die heutige Erinnerungskultur setzten sich die Schülerinnen und Schüler der Basisfächer Geschichte des Max-Planck-Gymnasiums Lahr bei ihrer jährlichen Exkursion am 9. Juli 2026 auseinander. Begleitet wurden sie von den Geschichtslehrkräften Florian Hellberg, Christopher Joos und Nora Mussler sowie Schulleiter Martin Ries und dem Referendar Henri Hindemith.

Das Stammlager bestand von 1941 bis zu seiner Räumung im September 1944. Am 25. November 1944 stießen amerikanische Soldaten auf das bereits geräumte Stammlager. Der Lagerkomplex existierte jedoch durch seine rechtsrheinischen Außenlager bis zu deren Evakuierung im März / April 1945 weiter.

Im Zentrum der Exkursion stand die Frage, inwiefern Natzweiler als ein nationalsozialistischer „Verbrechenskomplex extremer Gewalt“ verstanden werden muss. Der Begriff verweist einerseits auf das Zusammenwirken unterschiedlicher Formen von Gewalt: Die deportierten Menschen wurden ihrer Rechte und ihrer persönlichen Identität beraubt, durch Hunger, stundenlange Appelle und Misshandlungen terrorisiert, zur Arbeit gezwungen und in zahlreichen Fällen ermordet. Andererseits bezeichnet „Komplex“ das weitverzweigte System aus dem Stammlager Natzweiler-Struthof und zahlreichen Außenlagern beiderseits des Rheins. Allein im Gebiet des heutigen Baden-Württembergs bestanden etwa 35 Außenlager – eines davon im nahe gelegenen Offenburg. Die Geschichte des KZ-Systems reicht somit bis in die unmittelbare Umgebung Lahrs.

Natzweiler war vor allem ein Konzentrations- und Arbeitslager. Die ersten Gefangenen mussten das terrassenförmig am Hang gelegene Lager und seine Zufahrtsstraßen errichten. Später wurden sie unter lebensfeindlichen Bedingungen unter anderem zum Granitabbau im Steinbruch, beim Straßenbau und in Werkstätten eingesetzt. Mit fortschreitendem Krieg trat seit 1943 die Arbeit für die nationalsozialistische Kriegswirtschaft zunehmend an die Stelle der ursprünglich vorgesehenen Baustoffgewinnung. Im Steinbruch wurden Werkstätten zur Demontage von Flugzeugmotoren für das Unternehmen Junkers eingerichtet. Doch die Zwangsarbeit diente dabei nicht allein wirtschaftlichen Zwecken. In Verbindung mit unzureichender Ernährung, Kälte und körperlicher Gewalt wurde sie zu einem Instrument der Unterdrückung als auch der psychischen und physischen Zerstörung. Darin verbanden sich zweckrationale und rassistische Denkmuster. Die Gefangenen wurden einerseits nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen als Arbeitskräfte bewertet, andererseits auf der Grundlage der nationalsozialistischen Ideologie entmenschlicht und als vermeintlich „minderwertig“ behandelt. Die scheinbare Kosten-Nutzen-Logik trug dazu bei, ihre Ausbeutung und Vernichtung als zweckmäßig und notwendig erscheinen zu lassen.

Historisch wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen einem Konzentrations- und einem Vernichtungslager. Anders als der Konzentrations- und Vernichtungslagerkomplex Auschwitz, insbesondere Auschwitz-Birkenau, war Natzweiler nicht als Zentrum für die unmittelbare massenhafte Ermordung ankommender Deportationszüge errichtet worden. Die Existenz einer Gaskammer in einem Nebengebäude des Gasthauses „Le Struthof“ ab April 1943 im Kontext pseudo-medizinischer Versuche macht Natzweiler daher nicht zu einem Vernichtungslager im engeren Sinne. Dennoch wurde auch hier gezielt gemordet: In der Gaskammer wurden 86 jüdische Männer und Frauen ermordet. Darüber hinaus wurden Häftlinge erschossen, erhängt oder durch die Haftbedingungen und Zwangsarbeit getötet. Die Unterscheidung der Lagertypen relativiert diese Verbrechen nicht, sondern ist Voraussetzung für ein historisch präzises Verständnis des nationalsozialistischen Verfolgungs-, Ausbeutungs- und Vernichtungssystems.

Die Auseinandersetzung der Lernenden am historischen Ort richtete den Blick sowohl auf die Opfer als auch auf die Täter. Berichte wie der des französischen Widerstandskämpfers Eugène Marlot, der in Natzweiler seiner Identität beraubt und zur Häftlingsnummer 6149 gemacht wurde, ließen die individuellen Schicksale hinter abstrakten Zahlen sichtbar werden. Zugleich verdeutlichten die Biografien von SS-Angehörigen, Lagerkommandanten, Ärzten und Wissenschaftlern, dass die Verbrechen eben nicht von einem anonymen System begangen wurden. Es sind Menschen wie der Lagerkommandant Josef Kramer, die die Taten planten, organisierten und vollzogen oder ihre wissenschaftlichen und institutionellen Möglichkeiten in den Dienst der nationalsozialistischen Gewalt stellten.

Zwischen 1941 und 1945 wurden etwa 52.000 Menschen aus mehr als 30 Nationen nach Natzweiler und in seine Außenlager verschleppt. Rund 35.000 von ihnen durchliefen das Stammlager nicht. Etwa 17.000 Menschen kamen im gesamten Lagerkomplex ums Leben, davon ungefähr 3.000 im Stammlager.

Natzweiler ist zugleich ehemaliger Tatort und gegenwärtiger Erinnerungsort. Das Mahnmal, die Nationale Nekropole sowie die erhaltenen beziehungsweise rekonstruierten Gebäude und Fundamente zeugen nicht nur von den Verbrechen, sondern auch davon, wie nach 1945 an Deportation, Widerstand und Ermordung erinnert wurde. Eine Gedenkstättenexkursion soll die Vergangenheit dabei weder vermeintlich „nacherlebbar“ machen noch bei bloßer Betroffenheit stehen bleiben. Sie verbindet die Wahrnehmung des Ortes mit historischem Wissen, Quellenkritik und der Frage nach Verantwortung. Damit leistet die jährliche Exkursion einen Beitrag zu einer demokratischen Erinnerungskultur, die der Opfer gedenkt, die Täter und Strukturen der Verbrechen benennt und der Verharmlosung sowie Instrumentalisierung der nationalsozialistischen Vergangenheit entgegentritt.

Website: https://www.struthof.fr/de/le-site/le-kl-natzweiler

Nora Mussler