Literarische Grenzgänger: MPG-Schüler in Brünn (CZ)

Grenzen überschreiten – sprachlich, kulturell und manchmal auch ganz wörtlich: Unter diesem Motto stand erneut eine Erasmusfahrt des Max-Planck-Gymnasiums nach Tschechien. Wie schon vor zwei Jahren führte die Reise Schüler der elften und zwölften Klassen nach Brünn (Brno), die zweitgrößte Stadt des Landes. Dort trafen sie nicht nur ihre tschechischen Altersgenossen, sondern auch eine Schülergruppe aus Mureck in der österreichischen Steiermark. Aus dem deutsch-tschechischen Austausch wurde damit eine trinationale Begegnung, die zugleich an ein Treffen im März anknüpfte, als die österreichischen und tschechischen Schüler gemeinsam in Lahr zu Gast gewesen waren.

Der thematische Schwerpunkt der Fahrt lag erneut auf den „literarischen Grenzgängern“, also Schriftstellern, deren Leben und Werk von der Begegnung unterschiedlicher Sprachen und Kulturen, von Emigration und Exil, aber auch von der Überschreitung gesellschaftlicher und politischer Grenzen geprägt waren. Dass die Schüler dabei selbst zu Grenzgängern werden sollten, war durchaus beabsichtigt.

Mit dem Nachtzug ging es zunächst nach Prag, wo ein mehrstündiger Zwischenaufenthalt auf dem Programm stand. Die Zeit nutzte die Gruppe, um auf den Spuren Franz Kafkas die tschechische Hauptstadt zu erkunden. Mithilfe eines Actionbounds, einer digitalen Stadtrallye, suchten die Schüler verschiedene Orte auf, die mit dem Leben und Werk des 1883 in Prag geborenen Schriftstellers verbunden sind. Dabei galt es nicht nur, Fragen zu beantworten, sondern auch die jeweiligen Stationen fotografisch festzuhalten. Kafka, der als deutschsprachiger Jude im vielsprachigen Prag aufwuchs, verkörpert wie kaum ein anderer Autor die kulturellen Verflechtungen Mitteleuropas. Anschließend setzte die Gruppe ihre Reise in Richtung Brünn fort.

Die mährische Metropole ist heute vor allem als Universitäts- und Wissenschaftsstadt bekannt. Zahlreiche Hochschulen und Tausende Studenten prägen das Stadtbild. Im 19. Jahrhundert war Brünn dagegen eines der wichtigsten Zentren der Textilindustrie in der Habsburgermonarchie und wurde deshalb auch als „mährisches Manchester“ bezeichnet. Mit der Geschichte der Stadt ist zudem der Name Gregor Johann Mendels verbunden, der hier seine bahnbrechenden Versuche zur Vererbungslehre durchführte.

Noch bevor es zum ersten Treffen an die Partnerschule ging, stand eine Besichtigung des Alten Rathauses (Stará radnice) auf dem Programm. Das historische Gebäude zählt zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Brünns. Besonders auffällig ist der absichtlich schief gestaltete Zierturm am spätgotischen Eingangsportal, um dessen Entstehung sich eine alte Legende rankt. Anschließend ging es hinauf auf den Rathausturm, von dem sich ein eindrucksvoller Blick über die Dächer der Altstadt bot. So konnten sich die Schüler gleich zu Beginn einen Überblick über die Stadt verschaffen, die für die nächsten Tage zum Mittelpunkt ihres Aufenthalts werden sollte.

In unmittelbarer Nähe des Mendelplatzes befindet sich die tschechische Partnerschule, das PORG-Gymnasium, einstmals das 1. Deutsche Landesgymnasium. Hier wurden die Gäste aus Deutschland und Österreich empfangen. Auf tschechischer Seite lag die Organisation des Treffens maßgeblich in den Händen von Adéla Turková, die gemeinsam mit ihren Kollegen ein abwechslungsreiches Programm vorbereitet hatte.

Dass sich die Schüler aus den drei Ländern teilweise bereits kannten, erleichterte den Einstieg. Schließlich hatte es erst im März ein gemeinsames Treffen in Lahr gegeben. Nun bot sich Gelegenheit, bestehende Kontakte aufzufrischen und neue Bekanntschaften zu schließen. Für die deutschen und österreichischen Gäste war zugleich interessant zu erleben, wie Deutsch an einer tschechischen Schule unterrichtet wird und welche Rolle die Sprache im Schulalltag spielt.

Eine wichtige Rolle spielte dabei die Sprachanimation, die diesmal von den Deutschlehrern der tschechischen Schule selbst organisiert und durchgeführt wurde. Mit spielerischen Übungen und kleinen sprachlichen Herausforderungen kamen die Teilnehmer miteinander ins Gespräch. Während die tschechischen Schüler ihre Deutschkenntnisse erproben konnten, machten die Gäste erste Bekanntschaft mit der tschechischen Sprache. Dass deren Aussprache und ungewohnte Konsonantenverbindungen (z.B. zmrzlina) durchaus ihre Tücken haben, sorgte immer wieder für Heiterkeit. Im Mittelpunkt stand allerdings weniger die sprachliche Perfektion als vielmehr die Verständigung über Sprachgrenzen hinweg.

Auch bei der weiteren Erkundung Brünns wurde auf eine gemeinsame Aktivität gesetzt. Statt einer klassischen Stadtführung erwartete die Teilnehmer diesmal eine Stadtrallye in gemischten Gruppen. Dabei mussten die Schüler selbstständig verschiedene Sehenswürdigkeiten der Innenstadt aufsuchen und Aufgaben lösen. So lernten sie unter anderem den Freiheitsplatz (Náměstí Svobody) mit seiner ungewöhnlichen astronomischen Uhr und weitere historische Orte wie den Krautmark (Zelný trh). Die tschechischen Schüler konnten dabei ihre Ortskenntnisse einbringen, während die deutschen und österreichischen Gäste die Stadt aus einer neuen Perspektive entdeckten. Gerade das gemeinsame Suchen, Fragen und Diskutieren machte die Rallye zu einer weiteren Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Dass ein Schüleraustausch nicht nur aus Unterricht und Besichtigungen besteht, zeigte sich spätestens beim gemeinsamen Abendprogramm. Wie schon vor zwei Jahren trafen sich die Teilnehmer zu einem Billardabend in der Brünner Innenstadt. Daneben stand diesmal auch der Besuch einer Laser-Arena auf dem Programm. Hier waren weniger Sprachkenntnisse als vielmehr Reaktionsvermögen, Teamgeist und taktisches Geschick gefragt. Beide Unternehmungen boten Gelegenheit, die Begegnungen des Tages in ungezwungener Atmosphäre fortzusetzen. Die Zugehörigkeit zu einer der drei nationalen Gruppen trat dabei zunehmend in den Hintergrund.

Neben dem persönlichen Austausch bildete die Literatur weiterhin den thematischen Rahmen der Fahrt. Brünn ist schließlich die Geburtsstadt Milan Kunderas, eines der bedeutendsten europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der 1929 geborene Autor verließ 1975 die damalige Tschechoslowakei und lebte fortan in Frankreich, wo er 2023 im Alter von 94 Jahren starb. Sein bekanntester Roman, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, verbindet persönliche Lebensgeschichten mit den politischen Umbrüchen des Prager Frühlings und dessen Niederschlagung.

Wie bereits vor zwei Jahren besuchten die Schüler deshalb die Milan-Kundera-Bibliothek, die 2023 innerhalb der Mährischen Landesbibliothek eröffnet worden war. Die Einrichtung ist weit mehr als eine Sammlung von Büchern: Sie versteht sich zugleich als Erinnerungsort, Forschungsstätte und Treffpunkt für die Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk Kunderas. Der Besuch bot Gelegenheit, sich mit dem Leben eines Schriftstellers auseinanderzusetzen, dessen Biografie in besonderer Weise von den politischen und kulturellen Umbrüchen Europas geprägt war. Jindra Pavelková bot uns erneut einen fundierten Einblick in Kundera Werk und erläuterte die Schwierigkeit bei Übersetzungen von literarischen Werken.

Das Motto „Literarische Grenzgänger“ lässt sich aber auch auf zahlreiche weitere Autoren beziehen. Josef Škvorecký etwa ging nach der Niederschlagung des Prager Frühlings ins kanadische Exil, während Jiří Weil in seinen Werken unter anderem die Erfahrungen politischer Verfolgung und nationalsozialistischer Besatzung verarbeitete. Ein zeitgenössischer Vertreter literarischer Grenzüberschreitungen ist Jaroslav Rudiš, der sowohl auf Tschechisch als auch auf Deutsch schreibt. Seine besondere Leidenschaft gilt der Eisenbahn, die in vielen seiner Werke eine zentrale Rolle spielt. In seiner „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ wird die Bahn geradezu zum Sinnbild eines Europas, dessen Länder, Menschen und Geschichten miteinander verbunden sind.

Dass das Thema literarischer Grenzüberschreitungen nichts von seiner Aktualität verloren hat, zeigte sich auch auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, bei der Tschechien als Ehrengast im Mittelpunkt stand. Dort nahm Jaroslav Rudiš unter anderem an einer Diskussionsrunde zum Thema „Grenzgänger“ teil, die im Rahmen einer Veranstaltung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds stattfand. Damit griff die Buchmesse genau jenes Thema auf, das auch die Studienfahrt nach Brünn prägte: die Frage, wie Literatur Menschen, Sprachen und Kulturen über nationale Grenzen hinweg miteinander verbinden kann.

Für eine Schülergruppe, die selbst mit der Eisenbahn durch Mitteleuropa unterwegs war, lag dieser Bezug besonders nahe. Zugleich zeigte die Begegnung in Brünn, dass Grenzen nicht nur auf Landkarten existieren. Auch unterschiedliche Sprachen, Schulsysteme und kulturelle Gewohnheiten können zunächst trennend wirken. Dass sich solche Unterschiede durch persönliche Begegnungen überwinden lassen, war eine der wichtigsten Erfahrungen dieser Tage.

Nach dem Aufenthalt in Brünn führte die Rückreise erneut über Prag. Anders als bei der Anreise stand der mehrstündige Zwischenstopp diesmal zur freien Verfügung. Die Schüler konnten die tschechische Hauptstadt auf eigene Faust erkunden, bevor es schließlich wieder mit dem Zug zurück nach Deutschland ging.

Am Ende stand damit weit mehr als eine gewöhnliche Studienfahrt. Die Begegnung mit den tschechischen und österreichischen Schülern hatte nicht nur bestehende Kontakte vertieft, sondern auch neue Freundschaften ermöglicht. Gerade die Tatsache, dass sich die drei Gruppen innerhalb weniger Monate sowohl in Lahr als auch in Brünn begegneten, verlieh dem Austausch eine besondere Qualität. Aus zunächst fremden Schülern waren Bekannte geworden, aus manchen Bekanntschaften vielleicht sogar Freundschaften.

Und so erwies sich das Motto der Fahrt auch diesmal als durchaus passend: Nicht nur Kafka, Kundera oder Rudiš waren Grenzgänger. Für einige Tage waren es auch die Schüler aus Lahr, Brünn und Mureck – und zwar (zunächst) ganz ohne literarischen Anspruch, dafür aber mit zahlreichen neuen Erfahrungen und Eindrücken im Gepäck.

Martin Geier